Zur Wandel der Künstlerrolle

Kunstzeitung //

… „Nation, Herkunft und Zugehörigkeit zu einer größeren (Schicksals-)Gemeinschaft negieren die Individualität. Oder wird ein syrischer Künstler heute eigenständig, losgelöst von seiner Heimatsgeschichte, Terror und Krieg rezipiert? Würde er hier zu Lande ausgestellt, wenn er einfach keine Lust hätte politische Kunst zu machen? Wohl kaum. Medial und inhaltlich soll er sein Land und die dortigen Zustände repräsentieren, nach seiner persönlichen Einzigartigkeit wird er nicht gefragt. Die Kunstwelt befindet sich in einem endpsychologisierten Akt des Stellvertretens. Diese Stimmung hatte schließlich auch zur Folge, dass sich 2017 die vier Künstlerinnen auf der Shortlist des Preises der Nationalgalerie fragten, ob sie wegen ihres Geschlechts oder ihrer Kunst nominiert wurden. Dafür kann man nicht die Jury und auch nicht die Kandidaten verantwortlich machen. Die Zweifel sind eine konsequente Folge der sich gewandelten Künstlerrolle.“ …

„Ein Künstler, der für sich alleine steht, scheint nicht mehr genug zu sein. Er muss eine Minderheit, eine Nation, ein Geschlecht oder einen kulturellen Bevölkerungsteil widerspiegeln. Außerdem muss er „gut“ sein, er kann sich zwar gegen Politiker und Diktatoren aussprechen, aber mehr ist ihm nicht gestattet, ansonsten wird ihm zugetragen sich öffentlich zu entschuldigen. Statt „Wer bist du?“ heißt es heute „Wen repräsentierst du?“ “

erschienen in: Kunstzeitung, Juli, 2018

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