Caligari als Psychotherapie?

Neofelis Verlag// Beitrag in: Expressionismus 06/2017

In diesem Sammelband schreibe ich über den „Wahnsinn“ in expressionistischen Filmen. Hier die Einleitung:

Wahnsinn im expressionistischen Film – Psychotherapie statt deutscher Macht-Sehnsucht

Die Caligari-Debatte ist nicht nur ein filmgeschichtliches Phänomen, sondern auch ein soziologischer Diskurs, der sich durch das gesamte 20. Jahrhundert zieht: Nach Siegfried Kracauer stellten die Deutschen in ihren expressionistischen Filmen wie Das Cabinet des Dr. Caligari oder Nosferatu – Eine Symphonie des Grauens ihre Sehnsucht nach Führung und Macht unter Beweis. Dem entgegengesetzt stehen unter anderem die Interpretationen der 1990er Jahre bis in die Gegenwart, die entsprechende Filmstorys als Kriegsverarbeitung und als surrealistische Darstellung von Traumata deuten. Der Wahnsinn in der expressionistischen Filmwelt lag schon bei vielen Autoren und Wissenschaftlern auf der Analysecoach.

Tag- und Nachtalbträume, Schlafwandel und Wahn-Zustände bilden typische Motive dieses Filmgenres. Stets werden sie eingesetzt, um eine transzendentale Verbindung zum Bösen, zur eigenen Vergangenheit, zum Reich der Toten oder zu lauernden Gefahren herzustellen. Besonders aufschlussreich ist hierbei auch die Herausstellung der Unterschiede zwischen weiblichem und männlichem Wahnsinn. Es sind gerade die Szenen des Wahnsinns, die den Reiz für die Zuschauer und die Rezeptionsgeschichte entsprechender Filme ausmachen .In diesem Aufsatz stütze ich die Thesen des amerikanischen Filmwissenschaftlers Anton Kaes in seiner Publikation Shell Shock Cinemas sowie die Forschungsperspektive des deutschen Autors Olaf Brill in seiner Dissertation Der Caligari-Komplex und führe weitere Argumente für folgenden Standpunkt an: Der angewandte, technische Expressionismus im Filmstudio stellt die ideale Verfremdungsvorlage dar, um eine nationale Traumatisierung zu therapieren, ganz im Sinne einer psychologischen Traumdeutung. Gerade der dargestellte Wahnsinn im Caligari-Film soll als kollektive Behandlung von Kriegsneurosen verstanden werden.

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